Shame you WHAT?!

Scham ist das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit. shame you what ist eine schlechte Übersetzung des deutschen Satzes Schäm dich was. Diese Arbeit ist die fetteste in unserem Katalog. Sie ist lang, voller Video-Arbeiten und Livemusik und entwickelt einen psychedelischen Sog in die Abgründe der Scham, dem niemand entkommen kann. Vieles ist mit Absicht falsch auf handwerklich hohem Niveau. Es geht um Fremdscham, Peinlichkeit, die soziale Funktion der Emotion Scham und um alles Mögliche für dass wir uns schämen - in der Liebe, in unserem Körper, mit unserem Geschlecht, Misserfolg, sexualisierte Gewalt, jede Form von Andersartigkeit. Es gibt ein Interview mit dem Selbst, eine Runde Shame-Shopping und ein Outro voller Liebe, denn die Würde des Menschen ist unantastbar.

S. Rudat, semiprofessioneller Musiker aus der sogenannten „Generation-WHY“, landet mit seinem zweitbesten Stück „Shame you WHAT?!“ einen echten Sandkuchen. In einem Mischmasch aus Konzert und „Performance“ bearbeitet er auf der Bühne seine „schwierige“ Jugend. Das Thema des Abends ist Scham – mutig, aber nicht unbedingt vorteilhaft. Die „dramaturgische“ Aneinanderreihung von Szenen wird versucht, mit unvorhersehbarer Nacktheit aufzuwerten.

Der Möchtegern-Star bewegt sich dabei in einem Bühnenraum aus beißenden Farben. Die Kostüme wurden anscheinend im Karnevalsshop gekauft. Da passt wirklich nichts zusammen. Das Sounddesign erscheint ähnlich wirr wie der Kabelsalat auf der Bühne. Minimalistische Beleuchtung und überladene Videokunst machen den Abend komplett.

Machen Sie einen Fehler und verschwenden Sie ihre Zeit. Sie werden es bereuen und erleichtert sein, wenn S. Rudat endlich die Bühne verlässt, um Ihnen ihren Anorak zurückzugeben. Hier liegen Scham und Fremdscham nah beieinander.

Content Information: Es wird mit intensiven auditiven und visuellen Reizen gearbeitet. Thematisch werden Trauma, Diskriminierung, Gewalt, Gender und Sexualität verhandelt.

Es existiert eine kreative Audiodescription und eine Übertitelung zum Stück.

"Shame" haben wir 20x gespielt in/am/bei:

Barnes Crossing Köln, FAVORITEN Festival | Theater im Depot Dortmund, Maschinenhaus Essen, Theater Rampe Stuttgart, HochX theater München, FFT Düsseldorf

Credits

Künstlerische Leitung & Performance: S. Rudat

Audiokomposition: Jakob Lorenz, S. Rudat

Kostüm & Bühnenbild: Dorothea Mines, S. Rudat

Video & Visuelle Kommunikation: Team LEN! (Viviane Lennert, Stella Lennert)

Licht & Technik: Jan Widmer

Dramaturgie & Produktionsleitung: Nina Weber

Produktionsassistenz: Nina Maria Zorn

Wissenschaftliche Recherche: Miriam Pastwa, Dr. Maria Blöchl

Mixing und Mastering: Lukas Schäfer

Eine Koproduktion von S. Rudat & dem (i)dentityteam mit FREISCHWIMMEN, der Produktionsplattform für Performance und Theater, getragen durch brut Wien, FFT Düsseldorf, Gessnerallee Zürich, HochX Theater und Live Art München, LOFFT Leipzig, Schwankhalle Bremen, SOPHIENSÆLE Berlin und Theater Rampe Stuttgart, unter Geschäftsführung der SOPHIENSÆLE GmbH, ermöglicht im Rahmen des Programms »Verbindungen fördern« des Bundesverbands Freie Darstellende Künste, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Koproduziert durch das FFT Düsseldorf und unterstützt durch Barnes Crossing Köln und das Maschinenhaus Essen. Gefördert durch Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, NRW Landesbüro Freie darstellende Künste, Kunststiftung NRW und der Stadt Köln.

Herzlichen Dank an die Künstler*innen des Kunstzentrum Wachsfabrik.

Rezensionen

Anonym sagt:

Marcus sagt:
Vater von Luise und Matilda

„Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen“ ist eine berühmte Regieanweisung aus Shakespeares „Macbeth“ und der Titel eines Stückes von Pina Bausch. In „Shame you WHAT!?“ nimmt mich Saskia Rudat an die…

„Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen“ ist eine berühmte Regieanweisung aus Shakespeares „Macbeth“ und der Titel eines Stückes von Pina Bausch. In „Shame you WHAT!?“ nimmt mich Saskia Rudat an die Hand. Sie nimmt mich mit in ein „Schloss“, was eine Reise in Schmerz, Kränkung, Mut Liebe und Kindheit bedeutet. In ihre Kindheit und auch in die meine. Ich bin die ganze Zeit bei ihr, ob sie nun physisch performt, spielt, singt und Gitarre spielt oder einfach nur da ist, ein Kabel in eine Buchse steckt, sich umzieht oder an einem Regler dreht. Egal wie tief und heftig die Auseinandersetzung mit den eigenen Verletzungen wird, ich weiß das es „gut“ wird, das ich keine Angst haben muß, das ich vertrauen kann. So fliege ich in ihrer Performance zurück in die 60ger Jahre, in die Begegnung mit furchtbaren Lehrern aus der NS-Zeit, sehe in die Augen meines Vaters, die mir sagen: „Du sollst nicht sein, was willst du in meinem Leben?“ Sehe in die Augen meiner Mutter, die mir sagen: „Es ist gut, das du da bist, ich liebe dich!“ Anscheinend war ich „richtig“ und „falsch“? Aber was bin ich nun? Richtig oder falsch? So wie ich lernte, das es Dinge gibt, die richtig oder falsch sind, Dinge die man tun darf oder auch nicht! Für letztere, wenn man sie denn tut, hat man sich zu schämen. Schämst du dich denn gar nicht? Unverschämt! Schamlos! In einem Moment der Performance, erzählt Saskia Rudat von einer tiefen Krise. Eine Krise in der sie ganz allein war, in der sie das Gefühl hatte, das ihr niemand helfen könne. In dieser Krise entdeckte sie eine innere Stimme, die ihr sagte, das es gut sei, das sie da ist. Das sie nicht alleine ist, das sie mit sich selbst „zweisam“ statt „einsam“ ist. Ich kenne diesen Moment. Für mich war es ein „Erwachen“! Ich musste in ihrer Performance daran denken, das ich bei aller Wut, allem Schmerz und allen Wünschen nach Vergeltung, eines von den „Verletzern“ gelernt habe: Den Wunsch und Willen zu überleben! Saskia Rudat nahm mich an die Hand, auf eine Reise, in ihre Geschichte, in ihre Welt. So konnte ich auch meiner eigenen begegnen. Sie war mir während ihrer Performance nahe, ließ mich spüren, fühlen und denken, ohne zu missionieren. Die Zeit verging im Fluge. Danke!

Adam sagt:
ein introvieterter, schüchterner Mann, der Höhenangst hat (Re-Writing Maschinenhaus Essen)

Während der Performance habe ich erinnert, was manche Leute mir mehrmals gesagt haben.“Be a man. You are not man enough.“ Manche Leute erwarten viele Dinge von mir, nur weil ich ein Mann bin. Dinge, die ich nicht mag. Dinge, die…

Während der Performance habe ich erinnert, was manche Leute mir mehrmals gesagt haben.“Be a man. You are not man enough.“ Manche Leute erwarten viele Dinge von mir, nur weil ich ein Mann bin. Dinge, die ich nicht mag. Dinge, die sie nicht von mir erwarten würden, wenn ich eine Frau wäre. Muskeln, Autos, Fußball, Aggression, Dominanz. „Top G“ sein. Nach der Performance habe ich etwas erkannt. Egal wer was wie wir sind. Egal was wir machen. Arschlöcher werden uns sagen. „Shame you!“

Sita Rajasooriya sagt:
Soziologin, alleinerziehende, Mutter, Asien Deutsche mit internationalen Wurzeln (Re-Writing Maschinenhaus Essen)

Was habe ich gerade gesehen? Mir fehlen die Worte. Es beginnt mit Scham. Auf einem Perlenvorhang mit großen Buchstaben steht Scham. Vor und hinter diesem Vorhang beginnt eine lange Reise in Gewalt, in Sexualität und warum dieser menschliche Teil schambesetzt…

Was habe ich gerade gesehen? Mir fehlen die Worte. Es beginnt mit Scham. Auf einem Perlenvorhang mit großen Buchstaben steht Scham. Vor und hinter diesem Vorhang beginnt eine lange Reise in Gewalt, in Sexualität und warum dieser menschliche Teil schambesetzt ist. Dreckig, ekelig. Ich werde mitgenommen in Fragestellungen der Identität – darf ich die Person sein, die ich bin? Ich begleite eine Person, wo im ersten Moment nicht klar ist, ob weiblich oder männlich. Diese Gendervorgaben bleiben im weiteren uneindeutig, die Person wird im weiteren in viele unterschiedliche Rollen schlüpfen. Scham wird gründlichst ergründet. Eine wissenschaftliche Perspektive vorgestellt und ich muss lachen, denn die piepsige Psychologenstimme kommt weit aber irgendwie auch nicht weit genug. Braucht sie auch nicht. Ich frage mich, ist dies der Schmerz und die Scham einer non-binary Person? Schmerz räsoniert in mir. Es sind existenzielle Fragen des was darf ich, warum darf ich nicht lieben. Ich werde mitgenommen, wie diese Person sich durch die Facetten von Scham kämpft. Ach so ist das, denke ich. Die Person hat sich neben vielem auch weiß verortet. Weißen Menschen fehlen Worte und deshalb fällt Ihnen eine Auseinandersetzung mit Gewalt, Sexualität, christlichen Werte so schwer. Hier geht es durch die Tiefen von Scham und dann wie Scham als politische Aktion, Konzerne Regierungen aushebeln kann. Hatte ich so noch nie gesehen. Scham als konstruktive kraftvolle Kraft. Das geht wohl erst, wenn man sich mutig den Abgründen gestellt hat. Die Reise geht weiter, denn Liebe und Sehnsucht werden ergründet, irgendwann auch die Hoffnung und das muss es auch, denn was wären wir Menschen ohne Hoffnung. Die Person, die mal weibliche mal männliche Kraft exploriert, wird zart, wird sensibel und hier freue ich mich ihr zu folgen. Sie wird verspielt, singt mehrstimmig und ich liebe diese Person, denn sie will es anders, sucht andere Wege und das fühlt sich kraftvoll an. Ich werde ungeduldig, denn ich hoffe, dass diese Reise ein gutes Ende nimmt. Ein Ende mit Hoffnung, denn was musikalisch und visuell auf mich draufprasselt, ist nicht nur bildgewaltig, sondern voller Wut, Schmerz, der Wunsch nach Rache. Dieses Stück bringt Tabus, bringt Schattenseiten ins Licht. Gibt den Tiefen Platz, eine Stimme gibt ihr Gesang und tatsächlich Hoffnung. Dieses Stück reißt einen Vorhang des Schweigens, Verschweigens, Verdrängens auf. Das letzte Wort, das am Vorhang in lila leuchtet ist „Würde“. Zeit für einen Dialog, denn nun ist Platz.

Sabina sagt:
Zuschauerin (Re-Writing Maschinenhaus Essen)

Ein grüner Stuhl, eine Person am Boden. Ein Monitor mit laufenden Wörtern, ein Varieté Vorhang. Ich muss mich entscheiden ob ich mitlese oder nur der Stimme zuhöre, ich entschliesse mich vorerst für beides. Die Stimme klingt verletzlich, ich fühle sofort mit…

Ein grüner Stuhl, eine Person am Boden. Ein Monitor mit laufenden Wörtern, ein Varieté Vorhang. Ich muss mich entscheiden ob ich mitlese oder nur der Stimme zuhöre, ich entschliesse mich vorerst für beides. Die Stimme klingt verletzlich, ich fühle sofort mit ihr, möchte sie beschützen. Ein Körper, der genau weiß was er tut, eine Stimme, die macht was sie will, es gibt Musik. So schöne Tüten im Wind, schaue gebannt auf die bewegten Bilder. Die Person nimmt mich mit auf eine sehr persönliche Reise. Ich kann mich dieser Authentizität und Verletzlichkeit nicht entziehen Ich folge ihr durch Alpträume, wilde Fantasien, fühle Liebessehnsucht und Scham, Wut und Angst und fühle mich plötzlich selber sehr fragil. So viele Facetten einer Person. Ein Feuerwerk an Ideen. Nichts im Raum ist überflüssig, Texte, Licht, Bewegung, Musik, Film alles hat seinen Platz, seine Zeit und seine Berechtigung. So persönlich und doch so zugänglich und relevant für uns alle. „Würde“ wie wahr…

Sabina de Castro sagt:
Geschäftsführerin, Mutter zweier erwachsener Kinder, Zweiflerin ein Leben lang (Re-Writing Maschinenhaus Essen)

Die Chefin – die Kindergärtnerin – hieß PitschyperferctCruelladeville – oder so ähnlich. Sie sah auch so aus. Wir waren klein, noch nicht perfekt. Fatal für Pitschyperfect und genau richtig für ihren Sadismus. Ein Leidensgenosse von mir nahm sich ein Puzzle…

Die Chefin – die Kindergärtnerin – hieß PitschyperferctCruelladeville – oder so ähnlich. Sie sah auch so aus. Wir waren klein, noch nicht perfekt. Fatal für Pitschyperfect und genau richtig für ihren Sadismus. Ein Leidensgenosse von mir nahm sich ein Puzzle aus dem Regal und bekam es nicht fertig gelegt. Ein Verbrechen für Pitschyperfect. Es war uns bei Scham-bis-ans-Lebensende verboten, ein Puzzle aus dem Regal zu holen und es nicht perfektperfekt fertig gestellt wieder ins Regal zu räumen. Der arme Tropf aber hatte sich wohl überschätzt. Und ich hatte Mitleid, ich kleines zartes Wesen. Ich gesellte mich also zu ihm und wollte ihm helfen. Diese Gelegenheit ergriff er und flüchtete. Ich stand mit dem unfertigen Puzzle allein am Tisch. Ich bekam es auch nicht hin. Todesurteil. Mein Scheitern stand brutal im Raum, alles drehte sich mir, die Angst zog den Boden weg und lies die Stimmen um mich herum schrill werden. ALLES IN DIE REGALE RÄUMEN SPIELZEIT VORBEI. UND WEHE. Ich räumte das Puzzle unfertig ins Regal. WER WAR DAS !!!!!!!!! Pitschyperfect in Fahrt. Und alle Kinder des Kindergartens mit einer Stimme, erleichtert, dass es nicht sie treffen wird, hämisch-froh, dass vor ihren Augen nun einem Kinde bei lebendigem Leibe das Herz aus der Brust gerissen wird: DIE SABIIIIIINAAAAAAA. Alles wich zurück, nur Pitschyperfect mit Todesmiene und wirrem Haar und irrem Blick, triumphierend und drohend mit Puzzle in der Hand – und ich. WARST DU DAS? Alles in mir schrie ob dieser Ungerechtigkeit. Nein, ich wars nicht. Aber es würde alles nur noch schlimmer, wenn ich leugnete. Mir wurde eh nicht geglaubt, keine Hilfe, keine Fürsprecher, keine Gnade in diesen Jahren kurz nach dem Krieg. Völlig verroht, diese Kindergärtnerinnen. Ich bin gestorben vor Scham und Angst. Ich war ein Versager. Es war schlimmer als der Tod. Nie fühlte ich mich hilfloser, ausgelieferter. Noch heute, 55 Jahre später, spüre ich die brennende Scham, den Verrat der anderen, die Wut.